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Partizipation

Die Begriffe Beteiligung, Partizipation  und Teilhabe  werden in Deutschland häufig synonym gebraucht, allerdings ist das jeweils damit verbundene Verständnis sowohl im Hinblick auf seine politischen Implikationen als auch in den jeweiligen Zusammenhängen durchaus unterschiedlich.

Unter politischer Beteiligung/Partizipation, wird insbesondere  das Teilnehmen, Teilhaben und/oder Mitgestalten von Bürger*innen an politisch relevanten Veränderungsprozessen – auf der Ebene der Willensbildung oder auf der Ebene der Entscheidungsfindung –  verstanden.

Die Wendung Teilhabe an der Gesellschaft  wird hingegen – insbesondere im weiten Feld sozialpolitischer Fragestellungen –  umfassender verstanden. Hier geht es um die Schaffung gleichberechtigter Teilhabemöglichkeiten für sozial benachteiligte Gruppierungen gegenüber der Mehrheitsgesellschaft (z.B. Kinder/Jugendliche gegenüber Erwachsenen, Menschen mit Beeinträchtigungen, Menschen mit Migrationshintergrund etc.). Bspw. sollen die Sozialisations-, Selektions- und Unterstützungsmechanismen des Bildungssystems, des Arbeitsmarktes sowie der sozialen Sicherungssysteme sicherstellen, dass Benachteiligungen vermieden, ausgeglichen oder mindestens verringert werden.

Im Kern handelt es sich also um sozialpolitisch, pädagogisch und ethisch aufgeladene Begriffe, die, kreisend um Ideen von Mitbestimmung oder Selbstbestimmung (letzterer Begriff vor allem im Feld der Arbeit von Selbsthilfeverbänden, bspw. der Behindertenhilfe), auf ein gemeinsames Ziel weisen: Die Ermöglichung einer sowohl allgemein als auch individuell-subjektiv akzeptierten Durchsetzung von (politischen, verwaltungsrechtlichen, pädagogischen) Entscheidungen auf der Ebene derjenigen, die häufig zuvorderst und unmittelbar mit den Konsequenzen der jeweiligen Entscheidung in ihrem Lebensalltag umgehen müssen. Um sowohl allgemeine als auch subjektive Akzeptanz zu erreichen, sollen der Wille, die Interessen und Wünsche der jeweils Betroffenen im jeweiligen Entscheidungsprozess gehört und berücksichtigt werden.

In Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe und der Behindertenhilfe soll etwa über angemessene Beteiligungsformate dafür Sorge getragen werden, dass der Wille, die Wünsche und die Bedürfnisse der Menschen in diesen Einrichtungen angemessen im institutionalisierten Alltag Berücksichtigung finden. Die Kinder- und Jugendhilfe steht außerdem durch den § 11 SGB VIII vor dem Auftrag, eine Jugendarbeit zu fördern, die auf fortschreitende Selbstbestimmung von Kindern und Jugendlichen zielt. Die Selbstorganisation in Jugendgruppen und in der Jugend(verbands)arbeit soll der Realisierung einer eigenständigen Interessensvertretung und Jugendpolitik auf allen Ebenen dienen. Mit Schüler*innenvertretungen, Kinder- und Jugendparlamenten und Jugendringen liegen insbesondere auf kommunaler Ebene bekannte Formate vor.

Vor dem Hintergrund der Verabschiedung des BTHG und dem in ihm verankerten Begriff der Teilhabe  kann für die Kinder- und Jugendhilfe sowie die Behindertenhilfe möglicherweise folgende vereinfachende Definition, als mehrheitsfähiges Verständnis der verschiedenen Begrifflichkeiten, zusammengefasst werden:

Partizipation kann als entweder eher konsumierendes Teil-nehmen oder eher gestaltendes Teil-haben an Veränderungs- oder Entscheidungsprozessen verstanden werden (vgl. dazu auch Vester 2012).

Das gestaltende Teil-haben, im Sinne eines tatsächlich realisierten Mitspracherechts insbesondere in Hilfeverfahren der Sozialleistungssysteme, kann als gewünschter Idealzustand aufgefasst werden, der in der Praxis bislang leider noch nicht ausreichend gelebt wird (zur Differenz zwischen fachlichem Verständnis und Umsetzungspraxis von Partizipation in der Kinder- und Jugendhilfe und der Behindertenhilfe vgl. Hopmann/Rohrmann/Schröer/Urban-Stahl 2019). Voraussetzung für ein gestaltendes Teil-haben sind  zuvorderst die umfassende Information bzw. Aufklärung und die Beratung der jeweils betroffenen Personen zu allen den Entscheidungsprozess und die Entscheidung (z.B. Leistungsbewilligung)  jeweils betreffenden Bedingungen und Konsequenzen. Insbesondere im sensiblen Bereich von Hilfeplanungen sollte dabei die Berücksichtigung der Vorstellungen, Einstellungen und Wünsche einer anspruchsberechtigten Person an oberster Stelle stehen. Während das SGB VIII mit den §§ 5 und 8 auf die Beteiligung und die Berücksichtigung der Wünsche von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien in verwaltungsrechtlichen Verfahren abhebt, ist  für das Teilhabeplanverfahren im BTHG die Beteiligung der antragstellenden Person explizit verpflichtend festgeschrieben.

Wenn wir Partizipation mit Blick auf das BTHG als Rechtsnorm oder mit Blick auf die Praxis der Kinder- und Jugendhilfe und der Behindertenhilfe gleichermaßen als fachliches Selbstverständnis und als wertorientierendes, handlungsleitendes Prinzip begreifen, lässt sich sagen, dass Partizipation in allen die jeweilige leistungsberechtigte Person betreffenden Entscheidungsprozessen einen ganz entscheidenden Beitrag zur Erhöhung der Chance auf eine gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft leistet, insbesondere für Menschen mit Beeinträchtigungen, Kinder und Jugendliche.

Umfassende Partizipation zur Ermöglichung gleichberechtigter Teilhabe an der Gesellschaft bedarf weitreichender quantitativer und qualitativer Voraussetzungen in der Praxis der sozialen Arbeit:

  • ausreichend Personal mit entsprechenden Zeitressourcen,
  • Haltung des Zutrauens auf Seiten der Fachkräfte gegenüber ihren Adressaten: Wille, Wünsche und Ziele können formuliert werden
  • Geschultes Personal: Partizipationsmethoden für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit und ohne Beeinträchtigungen müssen entwickelt und umgesetzt werden; Einsatz von Moderationstechniken und Kommunikationshilfen

Auf unseren Veranstaltungen haben Fachkräfte aus beiden Systemen immer wieder auf die Bedeutsamkeit hingewiesen, den antragberechtigten Personen dezidiert zu erklären, wie und warum Entscheidungen getroffen werden und weshalb bestimmte Hilfen/Leistungen nicht zustande gekommen sind. Eine derart gestaltete informierende Beteiligung der Adressaten kann das Verständnis für die die Entscheidung beeinflussenden Rahmenbedingungen, Prozesse und Abläufe ermöglichen und so auch den Aufbau tragfähiger und wirkungsvoller Hilfen.

Vergessen werden darf auch nicht die Partizipation auf Seiten der Fachkräfte. Nur wenn sie ebenfalls umfassend informiert über neue Verfahrensvorschriften, Abläufe oder Kooperationsnotwendigkeiten sind und wenn auch sie sich als aktiv Beteiligte, d.h. nicht allein ausführender Teil in Hilfeprozessen erleben können, ihre Selbstwirksamkeit auch im engen Korsett verwaltungsrechtlich normierter Handlungsvollzüge erfahren können, wird die Bereitschaft steigen, auch ihre „Klient*innen“ umfassend an den sie betreffenden Entscheidungsstrukturen zu beteiligen.  Der Wunsch zur Veränderung und die Partizipation an den dafür notwendigen Prozessen und Entscheidungen sind die zentralen Zugkräfte für Veränderungen (vgl. Dokumentation des 7. Expertengesprächs 2018).

Im aktuell laufenden Beteiligungsprozess des BMFSFJ „mitreden-mitgestalten“ (www.mitreden-mitgestalten.de) wird der Aspekt der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen außerdem besonders im Zusammenhang mit Fragen zum Kinderschutz und der Heimaufsicht diskutiert; der Aspekt der Beteiligung von Eltern bzw. Personenberechtigten, Herkunftseltern oder Pflegeltern im Zusammenhang mit Fragen zur Hilfeplanung bei der sog. Fremdunterbringung.

Stellungnahmen von Fachverbänden auf Bundesebene sowie kommunalen Spitzenverbänden, aus der Landespolitik und Wissenschaft finden sich unter den jeweils genannten Themen unter: www.mitreden-mitgestalten.de

Literaturangaben: 

Hopmann, B./Rohrmann, A./Schröer, W./Urban-Stahl, U. (2019): Hilfeplanung ist mehr als ein Verfahrensablauf. Ein Plädoyer zur Öffnung der aktuellen Fachdiskussion im Kontext der SGB VIII-Reform. In: Neue Praxis – Zeitschrift für Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Sozialpolitik 2/2019, Verlag Neue Praxis, S. 198-207.

Vester, Michael (2012): Partizipation, sozialer Status und Milieus. In: Rosenbrock, Rolf; Hartung, Susanne (Hrsg.): Handbuch Partizipation und Gesundheit. Bern: Verlag Hans Huber, S. 40-56.

Dokumentation der Ergebnisse des 7. Expertengesprächs „ICF - die Sprache der Inklusion? Anwendungsmöglichkeiten +Praxisbeispiele + Schlussfolgerungen“ am 27. September 2018 in Berlin. Unter: https://jugendhilfe-inklusiv.de/dokumentation/termin/31822

Weiterführende Informationen: 

Teilhabe: ein zentraler Begriff für die Kinder und Jugendhilfe und für eine offene und freie Gesellschaft. Positionspapier der AGJ- Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe, Dezember 2018, 9 S.

Auf die handlungstheoretische Bedeutung des Teilhabebegriffs verweist:

Gromann, Petra (2019): Zur Bedeutung selbstbestimmter Ziele bei der Gesamt- und Teilhabeplanung und für die sogenannte „Wirkungsorientierung“ im Bundesteilhabegesetz. In: : NDV- Nachrichtendienst des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge e.V; Berlin: Selbstverlag; 99. Jg., Nr. 7, S. 326-329.

Teubert, Anja: Orientierung am Menschen mit Beeinträchtigung. Eine Utopie oder ein Auftrag für die Soziale Arbeit im staatlichen Unterstützungssystem der Eingliederungshilfe? In: ZKJ - Zeitschrift für Kindschaftsrecht und Jugendhilfe, Köln: Bundesanzeiger; 13 (2018); Nr. 9/10, S. 364-368.