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Kinderhaus - Vielfalt ist unsere Stärke

Quelle: Rita Gräber

Das Kinderhaus ist eine sozialpädagogische Einrichtung, in der Kinder und Jugendliche in 43 unterschiedlichen Teilprojekten von der Mutter-Vater-Kind-Wohngruppe bis zum Betreuten Einzelwohnen leben. Auch eine Förder- und Integrationskindertagesstätte sowie vier weitere Kindertagesstätten gehören zum Kinderhaus-Verbund. Inklusion ist im Kinderhaus gelebter Alltag. Gemeinsam mit unseren Partnern, wie z.B. den einweisenden Jugendämtern, sind wir bemüht, für jedes der durch uns betreuten Kinder und jeden Jugendlichen maßgeschneiderte Unterstützungsangebote zu kreieren.

Inklusion: gelebter Alltag im Kinderhaus

Das Kinderhaus hat den Grundgedanken der Inklusion schon länger verinnerlicht. In vielen Gruppen werden Kinder und Jugendliche mit Beeinträchtigungen betreut. Wir verstehen Inklusion grundsätzlich als gesellschaftliches und pädagogisches Modell, das darauf beruht, die Besonderheiten und Mehrfachzugehörigkeiten aller Individuen anzuerkennen. Es geht uns darum, soziale Vielfalt zu berücksichtigen, Teilhabebarrieren abzubauen und Ausgrenzung und Ungleichbehandlung entgegenzuwirken.

Hierbei gilt es, nicht zu pauschalisieren, sondern jedes einzelne Kind/ jeden Jugendlichen und seine speziellen Bedürfnisse gezielt in den Blick zu nehmen. Auf institutioneller Ebene ist es wichtig, Qualifizierungsmaßnahmen anzubieten, die es den MitarbeiterInnen ermöglichen, sich mit dem Thema Behinderung auseinanderzusetzen, ggf. Hemmschwellen und Berührungsängste abzubauen und sich konkret mit der gemeinsamen gelingenden Alltagsgestaltung mit behinderten und nicht behinderten Kindern und Jugendlichen zu beschäftigen. Ziel ist, dass nicht behinderte Kinder und Jugendliche den behinderten Kindern und Jugendlichen mit Toleranz und Offenheit gegenüber treten und dass sich ein Zugehörigkeitsgefühl im Sinne einer Begegnung auf Augenhöhe entwickelt und nicht nur als ein „Dabeisein“. (vgl. PPQ 22, Programm- und Prozessqualität im Kinderhaus Berlin – Mark Brandenburg e.V.)

Die Kunst ist hierbei, einerseits differenzierte Angebote im Rahmen der bestehenden Wohngruppen zu entwickeln, die den besonderen Förderbedarf behinderter oder beeinträchtigter Kinder in den Blick nehmen, andererseits aber für alle Kinder und Jugendlichen zugänglich sind, um einer Ausgrenzung durch die speziellen Angebote entgegenzuwirken. Manchmal ist hier „weniger mehr“.

Um zu verdeutlichen, wie Inklusion im Alltag des Kinderhauses gelebt wird, welche Erfolge wir damit erzielen und auch welche Stolpersteine und Schwierigkeiten auftreten können, folgt ein Fallbeispiel: die Geschichte von Mira (Name geändert).

Mira kam mit knapp 4 Jahren zu uns, in eine WAB-Gruppe mit insgesamt 6 Kindern. Mira wurde als entwicklungsverzögert angekündigt, benötigte noch einen Nuckel, trug nachts eine Windel und hat fast nicht gesprochen. Sie besuchte eine kleine Kita und hatte dort den „B – Status“ als Integrationskind. Zusätzlich erhielt sie Ergotherapie. Die Kita, welche sie zum Aufnahmezeitpunkt an 4 Tagen für 5 Stunden besuchte, war eher defizitorientiert und tendenziell mit der Betreuung von Mira überfordert. Dennoch wurde durch einen Fahrdienst (Finanzierung über das Jugendamt) der Besuch der alten Kita vorerst beibehalten. Miras Verhaltensbesonderheiten im Alltag bestanden überwiegend in maßlosem Essverhalten, fehlender Sprache, motorischer Unruhe und stereotypem Bocken. Sobald es nicht nach ihr ging, reagierte Mira, indem sie laute Geräusche machte, mit dem Fuß aufstampfte, sich an der Lippe zupfte, hin- und her wiegte, usw.. Dies konnte sie stets sehr lange – bis zu zwei Stunden- durchhalten. Verstärkt wurde dieses Verhalten, wenn sie zu wenig Bewegung hatte oder übermüdet war. Den Erzieherinnen gelang es durch Versuch und Irrtum, Strategien zu entwickeln, Mira zu beruhigen. Hierzu zählte enger Körperkontakt. Mira beruhigte sich, wenn sie in den Arm genommen und gehalten wurde – ebenfalls bis zu zwei Stunden lang. Innerhalb des ersten Jahres begann sie, Sprache zu entwickeln und sich mitzuteilen. Bis dies soweit war, ist in der Wohngruppe durch Mira einiges zu Bruch gegangen, es wurden Doppeldienste und Rufbereitschaften installiert und die Erzieherinnen benötigten vor allem Geduld, Gelassenheit und Kreativität, um die schwierige Anfangsphase mit Mira zu überwinden.

Mira wurde recht zeitnah im zuständigen SPZ vorgestellt und erhielt hier zunächst Psychotherapie. Ihre alte Kita warf Mira hinaus. Mit viel persönlichem Engagement gelang es einer Erzieherin der Gruppe, einen Platz in einer Freiluftkita für Mira zu organisieren. Hier waren die Kinder den ganzen Tag draußen, was dem großen Bewegungsdrang von Mira entgegen kam. Der Weg wurde durch einen Fahrdienst der Kita abgedeckt, die Erzieherinnen mussten Mira nur den halben Weg bringen, den Rest kam die Kita ihnen entgegen. In der Kita gab es Esel, es wurde oft Lagerfeuer gemacht. Mira wurde menschlich angenommen und kam fortan ausgepowert und zufriedener aus der Kita in die Wohngruppe zurück. Es wurde deutlich, dass Mira den Kontakt zu Tieren sehr genoss.

Da sie in dieser Kita jedoch keine ausreichende Struktur für den bevorstehenden Schulbesuch erlernen konnte, erhielt Mira nun über das SPZ Therapien im Rahmen der Rehabilitationspädagogik zur Schulvorbereitung. Nun brachten Tests das Ergebnis, dass bei Mira eine geistige Behinderung vorliege. Zu diesem Zeitpunkt war sie jedoch schon an einer Regelschule (an der es auch einen Kinderbauernhof gibt) angemeldet und angenommen.

Durch die vorliegende Schwerbehinderung (Schwerbehindertenausweis war beantragt worden) erhielt Mira von Beginn an Schulhelferstunden (29 pro Woche) in der Schule. Zum Teil wurden diese durch das Schulamt, z.T. über das Jugendamt finanziert. Zwei Frauen helfen Mira abwechselnd, dem Unterricht zu folgen. Es gibt für Mira einen angepassten Lehrplan. Sie kann sich Formen nicht merken, hat inzwischen dennoch lesen gelernt. Mira ist sehr motiviert, kann aber ohne die Unterstützung der Schulhelferinnen Aufgaben nicht zu Ende bringen, ihren Stift nicht zurück in die Federtasche legen, usw.. Wenn sich Mira während kurzer Zeitspannen im Unterricht allein konzentriert, unterstützen die Schulhelferinnen auch Miras Mitschüler. Auch in den Pausen wirken sie unterstützend im Schulalltag.

Bis heute benötigt Mira viel Aufmerksamkeit. Sie hat ein besonderes Gespür für Unsicherheiten und Schwächen Erwachsener und anderer Kinder, wird dadurch scheinbar selbst verunsichert. Sie kann bis heute kaum Bedürfnisse zurückstecken, ist motorisch unruhig und fahrig und benötigt viel Anleitung und Kontrolle im Alltag. Andere Kinder kommen im 1:1 Kontakt mit Mira am besten zurecht.

Mira benötigt starke erwachsene Persönlichkeiten an ihrer Seite. Auch die Zusammensetzung der Kindergruppe/ Neuaufnahmen wurden danach ausgewählt, dass sie mit Mira harmonieren können. Zur Unterstützung und auch zur teilweisen Entlastung der Erzieherinnen der Wohngruppe erhält Mira einmal wöchentlich Besuch von einem Hundetherapeuten. Dieser geht mit Mira raus und nimmt sie einmal im Monat mit auf einen Reiterhof. Der Hundetherapeut wird über Miras Pflegegeld finanziert.

Mit Atemübungen und Yoga haben die Erzieherinnen Mira und auch den anderen Kindern der Gruppe zusätzlich Strategien vermittelt, zur Ruhe zu kommen. Im Alltag der Kindergruppe ist es ein wichtiger Aspekt, dass die Selbständigkeit der Kinder trainiert wird. Mira darf inzwischen z.B. allein draußen eine Runde „um den Block rennen“, wenn sie merkt, dass es gleich schwierig wird. Alle Kinder haben eine Uhr. Kindern, welche die Uhr noch nicht lesen können, wird eine Uhr auf die Hand gemalt, die anzeigt, wann sie in die Wohngruppe zurückkehren sollen. Somit sind alle Kinder unabhängiger und können sich alleine im näheren Wohnumfeld bewegen. Dafür ist es nötig, dass die Erzieherinnen den Kindern viel zutrauen, die Fähigkeiten und Stärken der Kinder erkennen und nutzen. Alle Kinder werden darin bestärkt, auf sich selbst zu schauen und nicht „auf den Zug mit aufzuspringen“, wenn es mit einem Kind, z.B. mit Mira, mal schwieriger wird. Allen Kindern wird vermittelt, dass jedes Kind anders ist. Sätze wie: „Das muss… noch lernen!“ oder „Kümmere dich nicht darum!“ helfen dabei, dass die Kinder sich gegenseitig akzeptieren und wertschätzen lernen.

Die hierfür benötigte Solidarität und Verantwortungsübernahme unter den Kindern wird jedoch nicht nur im kleinen Rahmen unserer einzelnen Wohngruppen gefördert. Das Kinderhaus setzt mit all seinen Teilprojekten auch auf verbindende und Halt gebende Elemente einer größeren Gemeinschaft. Hierfür wird eine Reihe von Anstrengungen unternommen, wie z.B. die alljährlich stattfindende dreitägige Herbstfahrt gemeinsam mit allen Kindern, Jugendlichen, ErzieherInnen und teilweise auch mit den Eltern der Kinder (zuletzt mit ca. 350 TeilnehmerInnen). Darüber hinaus gibt es weitere regelmäßige Veranstaltungen wie Sommerfeste, Sportveranstaltungen, usw., und einen Freizeitclub, in dem sich Kinder verschiedener Wohngruppen treffen können, um gemeinsam die Freizeit zu gestalten (u.a. in verschiedenen Arbeitsgemeinschaften). All diese Maßnahmen fördern die Zugehörigkeit und Identifikation der Kinder und Jugendlichen (und auch der MitarbeiterInnen) mit der großen, sicheren Kinderhaus-Gemeinschaft und tragen auch dazu bei, dass die Kinder und Jugendlichen Vielfalt erleben und akzeptieren.

Und was benötigen die ErzieherInnen, damit Inklusion gelingen kann? In erster Linie sind es wohl eine wertschätzende und annehmende Grundhaltung, Mut, den Kindern etwas zuzutrauen, Gelassenheit, Geduld, menschliche Wärme, Kreativität und außerordentliches Engagement auf der Suche nach geeigneten Lösungen. Aber es braucht dringend auch engagierte Partner (wie hier die Kita, das SPZ, dann die Schule, die Schulhelferinnen, der Hundetherapeut und nicht zuletzt das Jugendamt), die gemeinsam und auf Augenhöhe maßgeschneiderte Unterstützungsangebote kreieren. Und das gilt für alle Kinder, ob mit oder ohne Beeinträchtigung, gleichermaßen.

 

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