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Begleitete Elternschaft

Begleitete Elternschaft

Quelle: pixaby

Es ist kein gesellschaftliches Tabuthema mehr, dass behinderte Mütter und Väter ihre Elternschaft aktiv leben wollen. Dafür benötigen sie jedoch individuelle, bedarfsgerechte, langfristige und professionelle Unterstützung im Alltag. Wir bieten diese Betreuungsangebote für Eltern mit einer Lern- oder geistigen Behinderung und ihre Kinder in unserem Mutter-Kind-Bereich an.

Der Mutter-Kind-Bereich des Kinder- und Jugendhilfeverbunds im Diakoniezentrum in Berlin-Heiligensee/ Reinickendorf bietet derzeit vier unterschiedliche Wohnformen (stationär und ambulant) für Mütter und ihre Kinder an. Kindern im Alter von drei Monaten bis zu drei Jahren wird zudem ein Platz im hausinternen Kindergarten zur Verfügung gestellt.

Im Mutter-Kind-Haus (MuKi) mit einer Rund-um-die-Uhr-Betreuung wohnen sechs Frauen und ihre Kinder. Die Frauen haben einen erhöhten Unterstützungsbedarf. Grund für den Einzug in das Mutter-Kind-Haus kann auch eine Lern- oder geistige Behinderung der Mutter sein. Beobachtungen und Erfahrungen, die mit Müttern mit einer Lern- oder geistigen Behinderung nach ihrer Entlassung aus dem Mutter-Kind-Haus in das Betreute Einzelwohnen oder in ein ambulantes Angebot der sozialpädagogischen Familienhilfe gemacht wurden, verdeutlichten, dass die vorhandenen Hilfen in einigen Fällen nicht ausreichten. Der Wegfall der Tagesstruktur, die für sie ungünstigen Betreuungszeiten und örtliche Veränderungen trugen dazu bei, dass bei den Eltern bereits erlernte oder eingeübte Kompetenzen wieder verloren gingen.

Aus dieser Erfahrung heraus wurde ein bedarfsorientiertes Konzept als weiterführendes Betreuungsangebot entwickelt: Die Familienwohngemeinschaft (FamWG), die im Mai 2007 in unmittelbarer Nähe des Mutter-Kind-Hauses eröffnet wurde. In der Familien­wohn­gemeinschaft werden aktuell fünf Familien betreut. Beim Einzug sollten die Kinder mindestens ein Jahr alt sein. Die Mütter/Väter wissen, dass sie längerfristig Unterstützung benötigen, um mit ihren Kindern im Familienverbund leben zu können. Mit jeder Familie wird ein individueller Betreuungsplan entwickelt, der sowohl die Stabilisierung der Mutter-Kind-Beziehung, die Konditionierung bei der Versorgung und alltäglichen Arbeit, die Aufnahme oder Fortsetzung einer Berufstätigkeit als auch die Unterstützung und kompensatorische Förderung der Kinder zur Aufgabe hat. Die Betreuung der Familienwohngemeinschaft ist täglich von 7 Uhr bis 21 Uhr einschließlich an Wochenenden und Feiertagen gewährleistet.

Sowohl im Mutter-Kind-Haus als auch in der Familienwohngemeinschaft werden Mütter mit Behinderungen mit ihren Kindern im Rahmen der Begleiteten Elternschaft betreut.

Mütter, die im Laufe der Betreuungszeit Sicherheit im Umgang mit ihren Kindern gewonnen und verschiedene Kompetenzen aufgebaut haben, formulieren den Wunsch, in eine eigene Wohnung ziehen zu wollen. Dieses Vorhaben wird im Betreuungskontext über einen langen Zeitraum mit jeder Mutter individuell vorbereitet. Voraussetzung für ein Leben in der eigenen Wohnung ist, dass die Mütter eine innige Beziehung zu ihren Kindern haben, ihre Schwierigkeiten und Grenzen kennen und in der Lage sind, Unterstützung und Anleitung anzunehmen sowie Hilfen einzufordern. Die Kinder sollten in ein gutes soziales Netz, z.B. in Kindertagesstätten und Schule eingebunden sein, damit auf mögliche Auffälligkeiten und Krisen zeitnah reagiert werden kann.

2013 wurden die ersten zwei Familien aus der stationären Jugendhilfe entlassen und erstmals von der Familienwohngemeinschaft in das Anschlussangebot, die Ambulante Begleitete Elternschaft für Mütter/Eltern mit Behinderung und ihre Kinder (AmBEl) über­geleitet. Die Familien leben in eigenen Wohnungen, die über die gesetzlichen Betreuer angemietet werden oder in Trägerwohnungen mit einem Nutzungsvertrag. Beim Umzug von behinderten Eltern und ihren Kindern ist es von großem Vorteil, wenn sich das örtliche und soziale Umfeld nur geringfügig verändert. Die Eltern sind nicht in der Lage, ohne Unterstützung neue Kindergärten, Schulen und Werkstätten zu suchen. Häufig kommt hinzu, dass sie Schwierigkeiten bezüglich der Orientierung haben und erst nach einem vorangegangenen Training neue, unbekannte Wege bewältigen können. Ein Umzug kann für die Betroffenen bedeuten, dass ein wesentlicher Teil ihrer Sicherheit wegbricht und die vorherige, mühsam aufgebaute Struktur komplett neu erarbeitet werden muss. Menschen mit Behinderung neigen manchmal dazu, auf eine derartig fremde Situation mit innerem Rückzug zu reagieren, weil sie erneut anfangen müssen, ihre Defizite an einem Punkt zu bearbeiten, den sie schon bewältigt hatten.

Die Familien aus der Familienwohngemeinschaft haben sich im Laufe der letzten Jahre mit viel Unterstützung ein stabiles soziales Netz aufgebaut. Die Kinder besuchen Kindergärten und Schulen in der näheren Umgebung. Die Mütter/Väter arbeiten in Werkstätten. Für sie ist es zu einer Selbstverständlichkeit geworden, morgens ihre Kinder in die Kindertagesstätten oder auf den Weg zur Schule zu bringen und danach zur Arbeit in ihre Werkstätten zu fahren.

Das Diakoniezentrum ist den Familien vertraut und sie haben sich dafür entschieden, hier für einen längeren Zeitraum leben zu wollen. Es bietet ihnen ausreichend Möglichkeiten, Kontakte zu anderen Familien oder bisher noch fremden Mitbewohnern herzustellen. Die untereinander bekannten Mütter und Kinder aus den Mutter-Kind-Projekten und die Familien in der ambulanten Betreuung wohnen nicht weit voneinander entfernt. Folglich besteht die Möglichkeit, sich unkompliziert zu verabreden oder sich zufällig zu begegnen. Wir fördern diese Kontakte durch gemeinsame Jahresfeste und durch unseren Elternkurs, zu dem alle Mütter und Väter monatlich einmal eingeladen werden, um ihnen pädagogische Inhalte zu vermitteln. Ansonsten bietet das Gelände viele Gelegenheiten, wie beispielsweise im Café am Marktplatz, auf den Spielplätzen, bei Veranstaltungen oder im Supermarkt, auf bekannte und vertraute Leute zu treffen. Das Diakoniezentrum hat den großen Vorteil, dass sowohl die Erwachsenen als auch die Kinder in einem ihnen bekannten sozialen Milieu leben können. Das Gefühl der Verbundenheit mit der eigenen kleinen Familie erfährt eine Fortsetzung mit einem möglichen Gefühl der Zugehörigkeit zur Nachbarschaft und Umgebung. Für den Einzelnen kann das Leben im Diakoniezentrum auch Schutz und Sicherheit bedeuten. Das Umfeld ist sehr aufmerksam, bei Tag und Nacht ist die Pforte auf dem Marktplatz besetzt und der Pförtner kümmert sich um Hilfe in Notsituationen.  

 

Best-Practice: 
Durch die starke Nachfrage für unsere Familienwohngemeinschaft und unsere Vernetzung in der Landesarbeitsgemeinschaft Begleitete Elternschaft Berlin-Brandenburg und in der Bundesarbeitsgemeinschaft BE erfahren wir, wie wenig Betreuungsmöglichkeiten es immer noch für geistig behinderte Eltern und ihre Kinder gibt. Betreuungsangebote für diese Klientel sind von zentraler Bedeutung, da es sonst zu Trennungen von Eltern und ihren Kindern kommen kann, die es zu vermeiden gilt.

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